Nach der Paketflut: Wie Innenst√§dte k√ľnftig beliefert werden k√∂nnen

Hamburg (ots) – Interview mit Roger Hillen-Pasedag, Bereichsleiter Strategy, Innovation & CR bei Hermes Germany, zur Zukunft der Paketzustellung

Herr Hillen-Pasedag, eine Rekord-Weihnachtszeit liegt hinter uns. Noch nie sind so viele Pakete zugestellt worden, das hat die Logistikunternehmen an den Rand der Leistungsfähigkeit gebracht. Ist die immer weiter wachsende Paketflut noch zu schaffen?

Hillen-Pasedag: Wir investieren dreistellige Millionenbetr√§ge in den Ausbau unserer Infrastruktur. Damit bauen wir neue Logistikzentren, erweitern die Zahl unserer Paketshops und f√ľhren neue Technologien ein. Doch vor allem im Bereich der Paketzusteller sto√üen wir an Grenzen. Es gibt immer weniger Menschen, die diese T√§tigkeit aus√ľben wollen. Hier werden wir k√ľnftig neue L√∂sungen erarbeiten m√ľssen und dabei hilft uns sicherlich der technologische Fortschritt im Bereich der Digitalisierung. So realisieren wir beispielsweise derzeit ein Projekt, das gezielt den technologischen Fortschritt in den Bereichen E-Mobilit√§t und alternativer Zustellsysteme auf der Letzten Meile nutzt. Dies wird uns bereits in wenigen Jahren in die Lage versetzen eine emissionsfreie Paketzustellung in den St√§dten verwirklichen.

Die Realit√§t sieht noch anders aus: Autofahrer √§rgern sich √ľber die in zweiter Reihe parkende Fahrzeuge, die Diesel- und Feinstaubdebatte stellt auch die Zukunft des Lieferverkehrs in Frage. Wie reagieren sie darauf?

Hillen-Pasedag: Ich bin √ľberzeugt, dass gerade in den urbanen Zentren, in die mittlerweile fast 70 Prozent unserer Zustellungen gehen, die Logistik neu aufgesetzt werden muss. City-Hubs oder Micro Depots, aus denen heraus die Zusteller die Pakete zum Beispiel mit Elektrofahrr√§dern ausfahren, sind hier eine spannende Option. Wir haben bereits eine ganze Reihe von elektrisch betriebenen Lastenfahrr√§dern getestet – das funktioniert gut! Doch die Umstellung der innerst√§dtischen Logistik kann nicht nur Aufgabe der Unternehmen sein. Daf√ľr ist eine neue Infrastruktur notwendig, also einerseits Micro Depots, aber auch Ladestationen f√ľr die Elektrofahrzeuge. Und hier brauchen wir die Unterst√ľtzung der Kommunen, etwa bei der Bereitstellung von Fl√§chen.

Die Automobilindustrie hat sp√§testens seit dem Diesel-Skandal das Thema Elektromobilit√§t f√ľr sich entdeckt. Hilft Ihnen diese Entwicklung?

Auf jeden Fall! Wir kooperieren mit Daimler und werden bis 2020 insgesamt 1.500 E-Fahrzeuge auf die Straße bringen. Hier kommen zwei Partner zusammen, die sich sehr gut ergänzen: Ein Technologiehersteller, der eine neue Antriebsform im gewerblichen Bereich zur Serienreife bringen will, und ein Player wie Hermes, der die Reichweite und das Paketvolumen mitbringt, um solche Systeme unter realen Bedingungen zu testen und sein langjähriges logistisches Know-how einbringt.

Ein weiteres gro√ües Thema der Verkehrsbranche ist autonomes Fahren und Roboter – wie sch√§tzen Sie die Chancen ein, dass uns k√ľnftig Roboter Pakete zustellen?

Wir haben beim Test des Starship-Roboters wichtige Erfahrungen gesammelt, die uns jetzt nutzen, um die Erfolgsfaktoren von alternativen Zustellformen besser bewerten zu k√∂nnen. Entscheidend wird es sein, wie stark f√ľr den Endkunden mit solchen oder √§hnlichen L√∂sungen ein Zusatznutzen verbunden ist. Nur so werden wir es schaffen, auch neue Zustellformen f√ľr Kunden attraktiv zu machen. Der Test mit den Starship-Robotern hat gezeigt, dass der Nutzen f√ľr den Endkunden noch zu gering ist, um einen solchen Service als alternative Zustellform regelm√§√üig zu nutzen. Paketlogistik aber ist ein Massengesch√§ft. Es braucht also skalierungsf√§higere L√∂sungen auf Basis attraktiverer “Customer Journeys”.

Aber könnten autonome Paketfahrzeuge eines Tages neben dem Boten herfahren, damit der nicht ständig ein- und aussteigen muss?

Hillen-Pasedag: Das macht nur da Sinn, wo es sehr viele Sendungen in begrenzten R√§umen gibt. Dar√ľber hinaus haben wir ja heute das Ph√§nomen, dass der Gro√üteil der Pakete an die Haust√ľr geht, obwohl die Mehrheit der Empf√§nger gar nicht zu Hause ist. Die Frage, der wir uns mittelfristig noch intensiver stellen m√ľssen, ist also: Wie kann der Paketstrom insofern effizienter gestaltet werden, dass die Zustellung sich m√∂glichst optimal in den Alltag des Konsumenten integrieren l√§sst? Wohnort, Einkaufsst√§tten, Arbeitsplatz, √∂ffentliche Transportknotenpunkte etc. sind zentrale Hotspots in den Bewegungsmustern unserer Kunden – da m√ľssen wir ran. Hier wird es nicht f√ľr alle pauschale L√∂sungen geben, wohl aber L√∂sungen, die sich gut in den Tagesablauf der Kunden integrieren und dabei auch die stetig wachsende Masse an Paketen bew√§ltigen k√∂nnen. Ob sich die klassische Haust√ľrzustellung als Standardservice noch aufrechterhalten l√§sst, ist aus meiner Sicht fraglich. Neben den Chancen, die technologische Entwicklungen bieten, um die Convenience f√ľr die Kunden im Paketempfang zu erh√∂hen, muss es hier sicherlich auch ein Umdenken im Paketempfang bei den Kunden geben. Verst√§rkte Lieferungen an PaketShops oder andere Pick-Up Points sind L√∂sungen, die wir diskutieren.

Im Gegensatz zu einigen Wettbewerbern testen Sie keine Drohnen.

Hillen-Pasedag: Wir verfolgen die Entwicklungen in dem Bereich intensiv, sehen derzeit aber keine wirklich wirtschaftlichen Anwendungsfälle in unserem Geschäftsmodell. Drohnen bieten Vorteile da, wo es um schnelle Lieferungen einzelner Sendungen in entlegene Gebiete geht, auf eine Alm oder Insel. Unsere Sendungen gehen zu fast 70 Prozent in urbane Metropolregionen. Die Zustelltouren umfassen hier oft deutlich mehr als 100 Pakete. Aktuell ist es nur schwer vorstellbar, wie Drohnen solche Paketmassen bewältigen können. Ich bin aber gespannt, was hier die technologische Entwicklung bringen wird. Vielleicht gibt es eines Tages zentrale Lande- und Ladestationen im Metropolbereich Рda muss man sehen, was passiert. Und wie es so oft mit völlig neuen Technologien ist; am Ende werden vermutlich der Einsatz und das Potential ganz woanders liegen als dort, wo wir heute noch denken.

Was halten Sie von der Idee, den Kofferraum des Autos als Paketablage zur Verf√ľgung stellen?

Hillen-Pasedag: Als eine Art Premiumzustellung w√§re das interessant. F√ľr die Zustellung vieler Pakete jedoch ist das eher eine Sonderform. Trotz der fortschreitenden Entwicklungen im Bereich der “Connected Cars” ist der wesentliche Teil der Fahrzeuge, die heute auf den Stra√üen unterwegs sind, noch nicht connected. Das aber m√ľssen sie f√ľr so einen Service zwingend sein. Gleichzeitig m√ľssten die Autos dort stehen, wo sie einfach und schnell durch die Paketzusteller erreichbar sind. Mein Wagen steht z.B. meistens in einer Tiefgarage, also dort, wo ein Zugang f√ľr Paketboten schwer oder gar unm√∂glich ist. Wenn der Zusteller erstmal eine halbe Stunde durchs Parkhaus laufen muss macht das wenig Sinn. Meines Erachtens wird sich der Besitz von Autos ohnehin stark √§ndern, da muss man sich fragen: Ist der Kofferraum wirklich spannend? Viel interessanter sind aus meiner Sicht die Potentiale, die sich aus neuen Mobilit√§tskonzepten entwickeln. Das wird sehr spannend vorauszudenken, wie sich die Paketzustellung in neue urbane Mobilit√§tskonzepte noch st√§rker integrieren l√§sst. In den USA werden z.B. gerade mobile Abholstationen getestet, also Abholpunkte, die nicht fest installiert sind an einem Ort, sondern sich zu bestimmten Zeiten des Tages an flexiblen Orten befinden – also dort, wo sich die Kunden bewegen. Das ist eine interessante Option. Mit den technologischen Entwicklungen im Bereich der autonomen Fahrzeuge wird das nochmals spannender. Autonome Fahrzeuge k√∂nnten z.B. Zusatztouren √ľbernehmen oder auch die klassische Zustellung an der Haust√ľr ganz neu gestalten. Daf√ľr br√§uchte es aber nat√ľrlich auch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen.

Original-Content von: Otto Group, √ľbermittelt durch news aktuell

Das könnte Sie auch interessieren:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: