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Das Rallyeauto für Privatfahrer: Der neue Polo GTI R5 von Volkswagen Motorsport.

Fotografen wuseln um das rot-weiß-schwarze Auto herum, das an einer Rennstrecke am Rande von Palma de Mallorca tief geduckt im gleißenden Scheinwerferlicht steht. Journalisten versuchen, mit ihren Blicken die abgedunkelten Scheiben zu durchdringen, manche kriechen buchstäblich unter das Blechkleid.

Ein wenig abseits steht ein Mann mit verschränkten Armen, fast ein wenig verlegen, und lässt die ganze Szene auf sich wirken. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte François-Xavier Demaison zusammen mit Volkswagen Motorsport Direktor Sven Smeets das Tuch vom Polo GTI R5 gezogen – es ist die Weltpremiere des neuen Rallyeautos von Volkswagen.

Der Polo GTI R5 wird an private Rallyeteams verkauft

Erst Vater, jetzt Großvater

Demaison, den in der Szene alle nur „FX” nennen, ist Technischer Direktor von Volkswagen Motorsport und sozusagen das „Hirn” hinter dem Polo GTI R5. „Ich war der Vater des Polo R WRC. Vom Polo GTI R5 bin ich nur der Großvater”, relativiert der Franzose bescheiden. Tatsächlich hatte er den Polo R WRC, mit dem Volkswagen in den Jahren 2013 bis 2016 vier Mal hintereinander die Rallye-Weltmeisterschaft gewann, als leitender Ingenieur entwickelt. Beim Polo GTI R5 lag die Federführung dagegen bei Jan-Gerard de Jongh, in den WM-Jahren der Renningenieur des viermaligen Weltmeisters Sébastien Ogier. „Meine Aufgabe war es, grundlegende Entscheidungen zu treffen und die Richtung vorzugeben”, beschreibt FX seine Rolle als „Großvater”.

Starker Teamkollege: 200 kW (272 PS) treiben alle vier Räder an

Der Polo GTI R5 ist in der WM startberechtigt

Demaison ist auch verantwortlich für die technische Neuausrichtung von Volkswagen Motorsport. Nach Engagement auf höchster Ebene mit einem Werksteam steht nun der Kundensport im Fokus der in Hannover beheimateten Motorsportabteilung. Im Rennsport mit seriennahen Tourenwagen hat Demaisons Mannschaft mit dem Golf GTI TCR bereits einen erprobten Bestseller im Angebot. Private Teams holten 2017 unter anderem den Titel in der höchsten Serie, der TCR International.

Parallel dazu können zukünftig auch Privatfahrer mit dem Polo GTI R5 auf den Rallyepisten der Welt Erfolge einfahren. Fahrzeuge der sogenannten R5-Kategorie sind in zahlreichen nationalen Meisterschaften die Topautos. Die international höchste Klasse ist dabei die zweite Liga der Weltmeisterschaft, die WRC2. Die Premiere des Polo GTI R5 ist im August 2018 als Heimspiel geplant – bei der Rallye Deutschland, die Teil der Rallye-Weltmeisterschaft ist. „Bis dahin werden wir ausgiebig testen – das nächste Mal in Großbritannien und im Januar im Schnee Skandinaviens”, sagt Demaison.

Mit Kotflügelverbreiterungen erreicht der Polo GTI R5 das vom Reglement erlaubte Maß

„Kostendämpfungsmaßnahmen sind absolut sinnvoll!”

Die neue Rallyerakete aus Hannover wird von einem 1,6-Liter-Turbo-Vierzylinder mit Benzin-Direkteinspritzung angetrieben. Vom Reglement ist im Ansaugtrakt ein sogenannter „Airrestrictor” vorgeschrieben. Er beschränkt die in den Motor gelangende Luftmenge. Damit wird die Leistung auf rund 200 kW (272 PS) begrenzt. „Diese Vorschrift zählt zu den Maßnahmen der Kostensenkung in der R5-Kategorie”, erläutert Demaison. Auch an anderer Stelle legt das R5-Reglement den Ingenieuren ein straffes Korsett an: So müssen beispielsweise viele technische Komponenten aus einem Serienfahrzeug stammen, in bestimmten Bereichen wiederum sind Standardteile vorgeschrieben. Der Polo GTI R5 nutzt Getriebe und Allradantrieb von Zulieferern, die auch von Mitbewerbern genutzt werden. „Hier hat uns die Zusammenarbeit mit den Kollegen der Technischen Entwicklung in Wolfsburg und den Motorsportlern von ŠKODA sehr geholfen, die ja bereits seit 2015 ein R5-Fahrzeug am Start haben”, sagt Demaison zur erfolgreichen Zusammenarbeit.

Der Weltmotorsportverband FIA hat einen Höchstpreis für ein einsatzfertiges Auto in der R5-Kategorie festgelegt: Aktuell liegt er bei 180.000 Euro, 2018 steigt dieses Limit auf 190.000 Euro. „Die Preisobergrenze ist natürlich für jede Entwicklungsabteilung eine Herausforderung. Wir müssen nämlich zwangsläufig Kompromisse eingehen, weil man nicht einfach die unter Performance-Gesichtspunkten optimale, aber möglicherweise teure Lösung wählen kann”, so Demaison. „Aber Ingenieure sind es gewohnt, Vorgaben einzuhalten, seien es technische oder finanzielle. Und weil es in der R5-Kategorie um Kundensport geht, sind diese Kostendämpfungsmaßnahmen sinnvoll.” So sind beispielsweise die Kotflügelverbreiterungen des Polo GTI R5 nicht aus ultraleichter, aber teurer Kohlefaser gefertigt, sondern aus preiswerterem Kunststoff.

Das ab Herbst 2018 einsatzfertige Rallyeauto basiert auf dem Serienmodell Polo GTI1

Die Erstauflage ist bereits ausverkauft.

Insgesamt 15 Exemplare des Polo GTI R5 will Volkswagen Motorsport noch 2018 für Kunden aufbauen. „Diese Fahrzeuge sind allerdings bereits alle verkauft. Der Großteil davon geht an Volkswagen Importeure, die damit in ihren nationalen Meisterschaften antreten”, verrät Demaison. Klingt nach einem weiteren Bestseller aus Hannover. Warum nicht kurzerhand die Auflage erhöhen? Immerhin sind weltweit derzeit rund 600 Rallyeautos der Kategorie R5 im Einsatz. „Die eigentliche Herausforderung im Kundensport ist die Ersatzteilversorgung, die wir aufbauen müssen. Wenn ein Teamchef aus Paraguay einen neuen Heckflügel bestellt, können wir ihm ja schlecht sagen: ‚Ja gut, wir können in fünf Wochen liefern.‘ Sobald also die professionelle Betreuung von A bis Z gewährleistet ist, geht es richtig los!”

1Polo GTI 2.0 TSI, 147 kW / Kraftstoffverbrauch in l/100 km: innerorts 7,7 / außerorts 4,9 / kombiniert 5,9; CO2-Emission in g/km: 134 (kombiniert), Effizienzklasse: C.

 

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